Wenn „The Boss“ seine Gedanken baumeln lassen will, dann macht er das in Island. Nicht im geographischen Sinn, aber in einem Raum, der „Iceland“ heißt. Der 42-jährige Este setzt sich dann auf eine der acht Schaukeln, die um einen Hängetisch schwingen, Laptop und Kollegen vor sich, und brainstormt im Kollektiv. „The Boss“ steht in weißer Schrift auf den schwarzen Filzpantoffeln, die der Chef trägt. Lautlos schlurft er damit durch lichte, weitläufige, 700 Quadratmeter große Büroräume eines zum Loft umgebauten Backsteingebäudes. Es liegt im Herzen von Talliskivi, dem angesagtesten Szene-Viertel in Estlands Hauptstadt Tallinn. Ragnar heißt er, so wie der legendäre Wikinger und dänische König. Focus Online

Und auch Ragnar Sass ist so eine Art König – als Gründer und Kopf von „Lift 99“. Ein Thinktank, den er 2016 von Start-up-Gründern für Start-up-Gründer schuf, ohne dass die Nutznießer etwas dafür zahlen müssten. „Ich will damit ein Stück von dem zurückgeben, was ich vom Leben bekommen habe“, sagt Sass, der zu Estlands erfolgreichsten Start-up-Unternehmern zählt.

Expertenwissen gegen Expertenwissen, um gemeinsam schneller zu wachsen

27 Jahre nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit von Russland stärkt Sass damit einen Markt, der von der in Estland mit seinen nur 1,3 Millionen Einwohnern sehr erfolgreich vorangetriebenen Digitalisierung immer mehr profitiert. „Es gibt inzwischen 550 Start-up-Unternehmen. Allein in Tallinn sind es 400, bei 400.000 Einwohnern also ein Start-up auf 10.000 Einwohner. Das ist spitze in Europa“. 14 Länder, 14 Reporter – Lösungen, die für unsere Gesellschaft Vorbild sein können

FOCUS Online startet eine neue konstruktive Reportage-Serie. Das Ziel: Perspektiven für Deutschlands soziale und gesellschaftliche Zukunft aufzeigen. Was machen andere Länder besser und was kann Deutschland von internationalen Vorbildern lernen? Um Antworten darauf zu finden, reisen 14 FOCUS-Online-Reporter in 14 verschiedene Länder.

Alle bereits veröffentlichten Geschichten finden Sie hier.

Lift 99 funktioniert dabei wie ein Wissens-Pool, der auf Gegenseitigkeit beruht. „Wir bieten Experten unsere Erfahrungen auf Spezialgebieten an, kostenlos im Tausch für die Erfahrungen anderer. Einer ist gut im Management, der andere im IT-Bereich. Wir tauschen Fähigkeiten aus und kommen so besser und billiger zum Ziel“, sagt Sass.

Ulf Lüdeke / FOCUS Online Nicht nur IT-Firmen erobern Tallinn, sondern auch immer mehr Künstler.  

Digitaler Strukturwandel: Chancen ergreifen, statt in Angst zu erstarren

Estland hat sich an die Spitze der digitalen Revolution in Europa gesetzt. Das Interesse am technischen Fortschritt ist auch in klassischen Industrienationen wie Deutschland riesengroß. Doch nicht selten wird die Debatte um die Digitalisierung der Arbeitswelt in Deutschland noch immer stark geprägt von Ängsten, die damit verbunden sind. Ängste vor Arbeitsplatzverlusten, die eine fortschreitende Automatisierung mit sich bringt.

In Estland halten sich die Auswirkungen der Automatisierung von Industrie-Prozessen natürlich in Grenzen, da es hier kaum Industrie gibt. Doch gerade die Start-up-Szene ist der Beweis dafür, wie viel Potenzial in der Digitalisierung steckt, weil sie neue Arbeitsplätze schafft.

„Die Finnen hatten Nokia, wir hatten plötzlich Skype“

Nachdem 1991 zunächst das estnische Bankensystem nach dem Abzug der Russen auf Online-Banking umgestellt wurde, dann die Schulen und schließlich die gesamte öffentliche Verwaltung folgte, war es vor allem die Entwicklung von Skype durch estnische Ingenieure, die der Gründung hunderter neuer Unternehmen den entscheidenden Impuls gab. „Die Finnen hatten Nokia, und wir hatten plötzlich Skype. Das war ein Erfolg, von dem niemand zu träumen gewagt hätte“, erinnert sich Sass.

Ulf Lüdeke / FOCUS Online Das “Lift 99” ist ein Start-up-Unternehmen, das Unternehmensgründern in Estland hilft, durch den Austausch von Know-How sich gegenseitig unkompliziert und ohne Honorar zu helfen.  

Zahlreiche Esten, die damals bei dem von Schweden gegründeten Instant-Messaging-Dienst arbeiteten, der schnell für IP-Telefonie und Videochats ausgebaut wurde, verließen nach und nach die Firma und investierten ihren Einnahmen in den Aufbau eigener Start-ups.

Aus der Provinz in die Welt: Estnisches Taxi-Start-up macht Uber Konkurrenz

Zu den erfolgreichsten Neugründungen zählt zum Beispiel „Taxify“, 2013 in Tallinn von Markus Villig gegründet, damals gerade 19 Jahre alt. In Deutschland ist der Dienst, der über eine App läuft und Taxifahrer an Kunden vermittelt, noch nicht am Start. Dafür in 25 anderen Ländern in Afrika, Mittelamerika und Osteuropa, wo eine halbe Million Fahrer sich registriert haben, die nach Taxify-Angaben 10 Millionen Kunden bedienen sollen. Und der Druck für Marktführer Uber wird größer: Im vergangenen Jahr stiegen die Chinesen bei Taxify ein, 2018 gab Daimler bekannt, ebenfalls in den estnischen Betrieb zu investieren.

Im FOCUS Online/Wochit Esten können 99 Prozent öffentlicher Dienstleistungen von der Couch online erledigen  

Auch die Maskerade-App MSQRD geht auf eine estnische Entwicklung zurück. „Das Ding ist bei uns gestartet und als Prototyp entwickelt worden. Drei Monate später wurde die Software für 100 Millionen Dollar an Facebook verkauft“, erläutert Sass. Er selbst gründete 2010 unter anderem „Pipedrive“, ein Softwareunternehmen für Customer Relationship Management, das weltweit 70.000 Unternehmen als Kunden hat. Und mit seinem nicht kommerziellen „Garage 48“ hat König Ragnar schon vor Jahren das angestoßen, was die Grundlage für Mega-Erfolge wie MSQRD schuf: ein Hackathon-Start-up, in dem Projekt-Prototypen entwickelt werden.

Neue Geschäftsmodelle durch Auswertung anonymisierter Handydaten

Die Fantasie der estnischen Start-up-Akteure kennt kaum Grenzen. In Tartu im Südosten Estlands gibt es ein Unternehmen namens „Positium“, das sich auf die Auswertung anonymisierter Bewegungskoordinaten von Handynutzern spezialisiert hat. Die ausgewerteten Daten sollen Stadtplanern, Geschäftsleuten oder öffentlichen Dienstleistern bei der Optimierung ihrer Angebote helfen.

Eine der kuriosesten Untersuchungen hat das Start-up am Peipus-See gemacht, einem beliebten Sommerurlaubsziel, das im Osten des Landes zur Hälfte auf estnischem und russischem Staatsgebiet liegt. Positium-CEO Erki Saluveer:„Irgendwann war uns zu Ohren gekommen, dass jedes Jahr im Winter immer mehr Menschen an diesen See fahren, obwohl er komplett zugefroren ist.“

Ulf Lüdeke / FOCUS Online Erki Saluveer, CEO des Start-ups Positium, erklärt die Handyortung für eine Studie.  

Saluveers Team fand heraus, dass es sich dabei vor allem um Letten und Litauer handelt, die auf Eisfischen spezialisiert sind. Daheim gibt es keine vergleichbaren Binnenseen, weswegen sie winters in Scharen an die russische Grenze pilgern. „Es gibt dort keine touristischen, winterfesten Unterkünfte. Die Angler haben vor allem bei Schulen und Bibliotheken nachgefragt, ob sie dort auf dem Boden schlafen könnten.“ Am Ende kam dabei eine Bedarfsliste heraus, die Impulse für Privatinvestoren zur Schaffung von winterfesten Unterkünften gab. „Und auch die notärztlichen Dienste im Winter mussten völlig neu organisiert werden“, ergänzt Saluveer.

Kontrolle für Agrarsubventionen dank Satelliten-Software – made in Estonia

Mart Noorma, Ex-Vize-Rektor der Universität Tartu und 2015 Leiter des ersten estnischen Raumfahrtprogramms, arbeitet mittlerweile bei „Milrem Robotics“, die unbemannte Roboter-Fahrzeuge entwickeln. Sie werden für die Brandbekämpfung, beim Bergbau, in der Landwirtschaft oder beim Militär eingesetzt. „Die Maschinen können alles besser, sicherer und schneller erledigen als der Mensch“, sagt der 45-Jährige, den in Estland jeder als Moderator von „Rakket 69“ kennt, einem TV-Wissensquiz. „Ausgestattet mit Solarzellen werden diese Geräte in Zukunft auch mit sauberer Energie betrieben.“

Einer seiner Doktoranden habe eine Satellitentechnik entwickelt, mit der der Einsatz von EU-Fördergeldern in großem Stil kontrolliert werde. „Es ermittelt mit Hilfe von extrem genauer Radartechnik das Wachstum von Getreide, das mit subventionierten Düngemitteln behandelt wurde. Durch einfache Kontrollen kann so großflächiger Betrug aufgedeckt werden.“

Lern-Apps von Schülern für Schüler – dank eines Start-ups

Die Start-up-Firma „Foxcademy“ indes wurde in Tallinn entwickelt. Sie entwickelt Apps für Tablets und Smartphones, die in Estland erfolgreich im digitalen Schulunterricht eingesetzt werden. „Der Unterricht wird so vielfältiger, das hebt die Lernmotivation der Schüler spürbar an“, weiß Kaarel Rundu von der Deutschen Schule in Tallinn. Die Firmengründer sind alle Absolventen seiner Schule. Bis 2020 soll in Estland das gesamte Lehrmaterial auch digital zur Verfügung stehen.

Ulf Lüdeke / FOCUS Online Im Stadtteil Ülemiste zwischen Flughafen und City befanden sich schon zu Sowjetzeiten IT-Forschungszentren. Heute wird das Quartier gern “Silicon Valley des Nordens” genannt.  

Estlands Schulen sind bereits seit 1999 samt und sonders ans Internet angeschlossen. Die digitale Aufrüstung war erster Schritt der estnischen Regierung mit der Aktion „Tiigrihüpe“ (estnisch für ‚Tigersprung‘), mit der 1996 der Grundstein für die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung gelegt wurde.

Unternehmen in Estland an nur einem Tag gründen

Seit 2014 erleichtert die estnische Regierung auch ausländischen Unternehmern, Firmen in Estland zu gründen. Das Programm heißt „e-Residancy“. Zwar handelt es sich dabei nicht um neue Staatsbürgerschaften. Doch wer sich registriert und eine digitale ID als „e-Resident“ erhalten hat, kann innerhalb eines Tages ein neues Unternehmen in Estland eröffnen.

Die Perspektive ist ökonomisch reizvoll, denn Unternehmensgewinne, die in Reinvestitionsprojekte fließen, müssen in Estland nicht versteuert werden. Beste Voraussetzungen für junge Unternehmen, um schnell zu wachsen. Zwar sind die Esten noch weit von ihrem Ziel entfernt, bis 2025 rund 10 Millionen e-Residenten hinzugewonnen zu haben. Aber rund 35.000 digitale Neu-Bürger, die es inzwischen gibt, lassen hoffen, dass die Zahl noch deutlich gesteigert werden kann.

Erfolgsrezept: Schnelles Internet und guten Draht zur Regierung

“Die Esten vertrauen ihrer Regierung, das ist einzigartig”, weiß der estnische Start-up-König Ragnar Sass. „Wenn etwas nicht läuft oder es Probleme gibt, dann haben wir einen direkten Draht zur Regierung.“ Estland, so Sass, sei sehr klein, jeder kenne jeden, das sei natürlich ein Vorteil. Die Regierung helfe dann, in dem die eine oder andere Regulierung gelockert werde. „Und wir kurbeln im Gegenzug weiter die Wirtschaft an. Ein banales wie geniales Prinzip.“

Im FOCUS Online/Wochit Sie sind erst 34! Chefs von deutschem Auto-Start-up schon fast Milliardäre Start-up Estland Internet Digitalisierung Firmengründung Skype Uber SIM Datensicherheit