Es fängt an wie in fast jeder italienischen Altstadt: Ein Bummel durch Gassen mit kleinen Läden, Obstkarren und Straßenhändlern. Nach Espresso und Gelato geht es an der Piazza Vittorio Veneto durch einen Torbogen auf eine Aussichtsplattform.

Nichts und niemand bereitet die Besucher vor auf das Panorama, das jetzt kommt: Es tut sich eine riesige Schlucht auf, vielleicht drei, vier Stockwerke geht es nach unten, mehr als 100 Treppenstufen. Ausgewaschen hat die Kerbe der Fluss Gravina, über Jahrtausende hat er sich durch den Kalksandstein gegraben. Doch die kraterartige Senke ist bebaut.

Bis zur gegenüberliegenden Seite ducken sich beige Kastenhäuschen in den Grund, scheinbar wahllos zueinandergestellt und aufeinandergestapelt – eine atemberaubende Fotokulisse, durchzogen von einem Gassengewirr und gespickt mit schwarzen Löchern.

Höhlen und ihre Öffnungen sind es – Sassi genannt, Italienisch für Steine. So heißen die in der Schlucht liegenden Kellerstadtviertel Materas bis heute. 60 ehemalige Felsenkirchen befinden sich darin und unzählige Wohnungen, seit der Spätantike in die Felsen geschlagen.

Eine Nacht im Schlund von Matera

Tagsüber erscheinen die Sassi auf den ersten Blick etwas schäbig. Sandfarbene Fassaden mit Grauschleier, zugesperrte Tordurchgänge, hinter denen es aussieht wie am Sperrmülltag. Holprige Kopfsteinpflasterwege, bröckelnde Fassaden, die allmählich von Pflanzen erobert werden. Dazwischen aber herausgeputzte Läden, ein paar Hotels, Wohnungen. Mauersegler kreisen darüber, die irgendwo in diesem Wimmelbild ihre Nester haben.

Abends weicht dann jeglicher Schmuddeleindruck, und die Sassi erstrahlen als aufgehübschte Diva der blauen Stunde. Letzte Sonnenstrahlen tauchen die Höhlenschlucht in violettes Licht, mittendrin wirken gelbe Straßenlaternen wie Glühwürmchen.

Restaurants öffnen, Gäste sitzen auf winzigen Terrassen davor. Noch ist es ruhig hier, doch 2019 ist mit einem Touristenansturm zu rechnen, denn Matera wird (neben dem bulgarischen Plowdiw) Europas Kulturhauptstadt.

Die einmalige Atmosphäre kann man am besten erleben, wenn man eine Nacht im Schlund von Matera verbringt. Im „Hotel Sassi“ etwa. Es besteht aus miteinander verbundenen Höhlen mit grandiosem Blick über den Sasso Barisano (so heißt der eine Teil des historischen Matera, der andere Sasso Caveoso).

Abends fällt man in ein Bettgestell direkt unterm Tuffsteingewölbe. Möglich, dass nachts nicht nur der Sandmann etwas in die Augen streut, sondern auch feiner Staub von der Decke rieselt. Das „Sextantio Le Grotte della Civita“, ein anderes Hotel, hat 16 Höhlenräume, eingerichtet mit renovierten Eisen- und Holzbettgestellen, von den Betreibern aus aufgegebenen Häusern der Umgebung zusammengesucht.

Unter üblen Verhältnissen hausten Menschen in den Sassi

Noch bis in die 50er-Jahre hausten 15.000 Menschen in den Sassi unter ärmlichsten Verhältnissen. Keine Heizung, kein Strom, kein fließend Wasser, die Abwässer wurden einfach in Bäche geleitet.

„Christus kam nur bis Eboli“, stöhnten die Leute resigniert und meinten damit eine gut 100 Kilometer entfernte Stadt, wie gleichermaßen ihre Hoffnungslosigkeit, in der nicht mal strenger katholischer Glaube als Trostspender taugte. Der 1935 von Mussolinis Faschisten nach Matera verbannte Arzt, Maler und Schriftsteller Carlo Levi hörte diesen Klagespruch und machte ihn zum Titel seines 1945 erschienenen, weltberühmten Buchs: „Christus kam nur bis Eboli“.

Darin beschreibt er Menschen, die mit ihrem Vieh in den Höhlen lebten wie ihre Vorfahren im Mittelalter, er erzählt von hungernden Kindern mit Malariamücken im Gesicht. Geflohen waren die Menschen nach Matera in den Jahrzehnten zuvor als Opfer einer Agrarreform.

Der damalige italienische Ministerpräsident De Gasperi, aufgeschreckt durch das Buch und daraus resultierende hitzige Parlamentsdebatten, verfügte 1952, die Sassi von Matera sofort zu räumen. Die Menschen bekamen eilig aus dem Boden gestampfte Neubauwohnungen am Rande der heute etwa 60.000 Einwohner zählenden Provinzhauptstadt. „La vergogna nazionale“ – die Schande Italiens – sollte aus den Schlagzeilen verschwinden.

Touristen können eine Höhlenwohnung besichtigen

Die Sassi wurden nun zeitweise Heimat für Künstlergruppen. In den 60ern dienten sie als Filmdrehort für Regisseur Pier Paolo Pasolini. Und seit den 80er-Jahren wird Höhle für Höhle wiederbelebt – dank einem Abkommen zwischen italienischem Staat und Matera, das günstige Kredite sowie Subventionen für Investoren garantieren soll.

Seit 1993 sind die Sassi Weltkulturerbe. Trotzdem wurden sie nicht durchrenoviert, stellenweise mutet es hier noch immer wie zu biblischen Zeiten an, weshalb regelmäßig Filmteams in Matera drehen. 2015 etwa wurden hier Szenen vom Remake des altrömischen Wagenrennenklassikers „Ben Hur“ gedreht.

Matera-Besucher können nachempfinden, wie die Menschen in den Sassi einst gehaust haben: Durch die museale Casa Grotta di Vico Solitario, eine mit historischem Inventar eingerichtete Wohnung, schieben sich Neugierige.

„Ja, so haben auch meine Großeltern noch in einer Höhlenwohnung gelebt“, sagt Pietro Moliterni. Der in Matera aufgewachsene und heute in Deutschland arbeitende Unternehmensberater erinnert sich noch daran, wie sein Opa sogar Wein in der Höhle produzierte.

Musiker aus ganz Italien ziehen durch die Stadt

Als ideale Reisezeit für Matera empfiehlt Pietro Ende Juni bis Anfang Juli – zur alljährlichen Festa Madonna della Bruna. Der Höhepunkt dieses Patronatsfestes ist immer der 2. Juli: Unter krachendem Feuerwerk ziehen acht Maultiere, eskortiert von Männern in Rittertracht, den Carro trionfale, einen Festwagen mit der Madonna obendrauf, durch Matera.

Am Ende dieses Korsos stürmen vor allem junge Männer das Gefährt auf der Piazza Veneto und plündern die Aufbauten aus Pappmaschee. „Jede Familie in Matera ist scharf darauf, ein Teil vom Carro zu bekommen“, berichtet Pietro Moliterni, „meine Eltern haben auch welche zu Hause.“

Im Juli 2019 wird zum 630. Mal gefeiert, es wird ein Höhepunkt im Programm des Kulturhauptstadtjahres sein. Der Startschuss zum Jubiläum fällt am 19. Januar um 19 Uhr, wenn exakt 2019 Musiker aus vielen Teilen Italiens und dem Rest Europas trommelnd und marschierend durch Matera ziehen und für Stimmung sorgen.

Bis dahin haben viele Einwohner die Zahl 19 sicher verinnerlicht, denn schon 2018 wurden sie nahezu an jedem 19. Tag eines Monats mit Konzerten, Theater- und Opernevents darauf eingestimmt, ein Jahr Europas Kulturmetropole zu sein. Vereinzelt sind schon Banner für 2019 an den Straßenlaternen zu sehen – das Logo darauf zeigt Rechtecke in bunten Farben und verschiedenen Größen: Sie sollen die Sassi und ihre Fenster symbolisieren.

Stolz und Skepsis in Bezug auf die Kulturhauptstadt

In Taxis, Cafés und Geschäften reden die Einheimischen immer öfter über das Kulturhauptstadtjahr – oft kontrovers: Die einen sind immer noch stolz, dass Matera sich 2015 durchgesetzt hat – erst innerhalb Italiens gegen Siena und Perugia, dann sogar gegen europäische Konkurrenten.

Nun erhoffen sich die Befürworter mehr Umsatz durch geschätzte 800.000 Besucher. Die Skeptiker fragen, wie die enge Stadt diesen Ansturm überhaupt bewältigen soll.

Etwa 5000 Bürger haben sich bereit erklärt, eine Fahne mit dem offiziellen Logo aus dem Fenster zu hängen – als Einladung an Besucher, sich doch mal die Stadt aus ihrer Perspektive anzuschauen. Wenn Besucher in einem Sassi-Hotel übernachten, eine der Höhlengalerien besuchen oder schlicht ein Sasso betreten, erhoffen sich die Befürworter, dass sie dieses besondere Erlebnis weitererzählen.

So werde Matera als Kulturhauptstadt in anderen Ländern bekannter. Die Skeptiker entgegnen, der Effekt werde ohnehin nur ein Strohfeuer sein, und das nütze allenfalls den Politikern, die jedoch die Alltagsprobleme der Menschen vernachlässigten.

Allein vier Millionen Euro fließen in die Infrastruktur

Thematisch will Matera 2019 einen Bogen spannen von den bis zu 10.000 Jahre alten „schwarzen Löchern“ (Höhlen) der Sassi bis zu denen im Weltall, die im städtischen Planetarium beobachtet werden können. Erleben können Besucher diese Zeitreise anhand von Installationen etwa in der ältesten Höhle Grotta dei Pipistrelli.

Geplant sind Konzerte in einer byzantinischen Höhlenkirche, in einem Steinbruch soll ein Skulpturenpark entstehen. In der Cava del Sole, einem alten Tuffsteinbruch, entsteht eine Art Arena für Konzerte und andere Darbietungen. Insgesamt stehen 55 Millionen Euro für Kulturangebote zur Verfügung.

Vorfreude herrscht bei vielen Bürgern Materas auch, weil zusätzlich die Stadt an einigen Stellen auf Vordermann gebracht werden soll, allein vier Millionen Euro fließen in die Infrastruktur. Die betongraue Steinwüste Piazza della Visitazione mitsamt Parkplätzen und Busbahnhof etwa bekommt eine Frischzellenkur und einen freundlichen Park, sodass hier niemand mehr auf bröckelnden Mauervorsprüngen auf seinen Bus warten muss. Allerdings sollen dafür auch 86 Bäume gefällt werden, was schon Gegner auf den Plan gerufen hat.

Die Cava del Sole soll mit neuen Fußgängerzonen und Radwegen an die historische Innenstadt angebunden werden. Allerdings gibt es auch zur Aufhübschung der Stadt kritische Stimmen – zu Kompetenzwirrwarr, den zahlreichen lästigen Baustellen und dem dadurch verursachten Verkehrschaos sowie der Befürchtung, dass vieles nicht rechtzeitig fertig wird.

Eine Stimmungslage, die jedoch typisch ist für die meisten Kulturhauptstädte der vergangenen Jahre, in denen Monate vor dem Start nur wenig darauf hindeutete, dass alles rechtzeitig fertig werden würde.

Tipps und Informationen

Anreise: Zum Beispiel von Berlin nach Bari nonstop mit Ryanair oder Easyjet, ab München mit Lufthansa und ab Düsseldorf oder Köln mit Eurowings. Weiter mit dem Mietwagen.

Unterkunft: Im „Sassi Hotel“ kostet die Nacht im Doppelzimmer ab rund 90 Euro (hotelsassi.it). Im schickeren und urigeren „Sextantio Le Grotte della Civita“ ab 180 Euro (legrottedellacivita.sextantio.it). Das Bed-and-Breakfast „Sassoscritto 1824“ bietet kleine Apartments im Höhlengewölbe, Doppelzimmer ab 75 Euro (sassoscritto1824.com).

Auskunft: enit.it