Mit einem „Grüezi mitenand“ setzt sich der Busfahrer hinters Lenkrad und startet den Motor, pünktlich auf die Minute. Auf dem Nebensitz ragt aus einem Rucksack eine Toblerone-Schachtel, und wenn man den Kopf etwas in den Nacken legt, sieht man vor einem wolkenlos blauen Himmel schneebedeckte Gipfel. Mehr Schweiz auf einmal geht eigentlich nicht.

Dann geht es hinauf – von Leuk im Rhonetal nach Leukerbad, 1411 Meter über Normalnull. Erst vorbei an Rebstöcken und dem mittelalterlichen Bischofsschloss, dann in kühnen Kurven durch das enge Tal der Dala, entlang an Felswänden, Abgründen und über eine Brücke, unter der der Fluss tosend durch sein felsiges Bett schießt. Ein spektakulärer Aufstieg, fast wie im Ankunftskapitel von Thomas Manns „Zauberberg“. Gäbe es die 1967 stillgelegte Zahnradbahn noch, könnte man sich wie der Romanheld Hans Castorp auf seiner Reise ins Hochgebirge fühlen.

Tatsächlich fährt der Bus auf Teilen der ehemaligen Schmalspurbahn. Nach exakt 31 Minuten Fahrzeit ist das Ziel erreicht – selbstverständlich pünktlich. Dass dem Wasser in Leukerbad eine ganz besondere Rolle zukommt, merkt der Neuankömmling sofort: an den vielen Brunnen in unterschiedlichster Form und Größe – mal versteckt als Becken in einer Hausnische, mal als steinerner Trog direkt an der engen Gasse, wo früher das Vieh getränkt wurde.

Oder an exponierter Stelle mitten auf dem Dorfplatz im modernen Design einer Wand aus rostbraunen Stahlplatten, an denen unablässig lauwarmes Wasser in eine Rinne läuft. Nirgendwo hängt dieses lästige „Kein Trinkwasser!“-Schild, wie man es aus Deutschland an öffentlichen Brunnen kennt.

Der größte Thermalbadeferienort der Alpen

Das Kalzium-Sulfat-Gemisch kommt direkt aus dem Berg und gilt wegen seines erhöhten Gehalts an Eisen, Natrium, Strontium und Fluorid als besonders gesund. Täglich sprudeln aus 65 Quellen 3,9 Millionen Liter Thermalwasser, bis zu 51 Grad Celsius warm, in die Becken der Thermen.

Weshalb Leukerbad damit wirbt, der größte Thermalbadeferienort der Alpen zu sein. Doch die Größe allein reicht nicht mehr, um auch jüngere Gäste anzulocken, für die der Begriff Kur ähnlich sexy klingt wie Rollator oder Gleitsichtbrille. Das hat man in Leukerbad erkannt und beizeiten gegengesteuert.

Antike Funde belegen, dass schon die Römer um die heilenden Kräfte der Thermalquellen wussten. Den Grundstein zum Bäderort legte aber erst im 16. Jahrhundert der umtriebige Bischof und spätere Kardinal Matthäus Schiner, der Leukerbad zu seiner Sommerfrische erkor, um in den heißen Monaten der Hitze des Rhonetals zu entfliehen.

1501 erwarb er die Bäderrechte und schlug auf seinen Reisen durch die Provinzen des Heiligen Römischen Reiches kräftig die Werbetrommel für einen Aufenthalt in den Bergen. Die Fremden kamen tatsächlich – und sie kommen bis heute.

Thermalquellenwanderung rund um Leukerbad

Eine zeitgemäße Art, Leukerbad und seine unmittelbare Umgebung zu erkunden, ist die kulinarische Thermalquellenwanderung, die einmal im Jahr stattfindet. Ausgestattet mit einem Weinglas, das in einem Brustbeutel verstaut wird, machen sich zehn Gruppen à 30 Teilnehmer im Abstand von je einer halben Stunde zu einem „begehbaren“ Zehn-Gänge-Menü auf den Weg. An neun Stationen, verteilt über die Gemeinde, präsentieren die örtlichen Spitzenköche feine Gerichte, zu denen die Winzer aus dem Rhonetal passenden Wein ausschenken.

Die Wegstrecke der Gourmettour führt auch über den 2004 eröffneten Thermalquellensteg – ein absolutes Muss für jeden Leukerbad-Besucher. Die fest im Gestein der Schlucht verankerte, 600 Meter lange Stahlkonstruktion verläuft in luftiger Höhe über der brausenden Dala.

Ungefähr zur Halbzeit, nach vier Verköstigungsstationen, kann diese Etappe bei entsprechendem Alkoholpegel schon zu einer kleinen Herausforderung werden. Denn es müssen eine 21 Meter lange, schwankende Hängebrücke überquert und zwei steile Treppen in unmittelbarer Nähe des 35 Meter hohen Wasserfalls erklommen werden.

Zu dieser Zeit haben sich bereits Kalbstatar, Zweierlei vom Thunfisch, Hummerschaumsüppchen und Schweinebauch auf Biersorbet mit den Weinsorten Humagne Blanche, Petite Arvine und Johannisberg in den Mägen vermengt.

Weitere fünf Köstlichkeiten gilt es noch unterzubringen, ehe schließlich die inzwischen merklich angeschickerten Teilnehmer nach sechs Stunden am Dorfplatz ankommen und das Festzelt betreten, in dem schon bald die Stimmung steigt. Wenn zu fortgeschrittener Stunde Helene Fischer in voller Lautstärke aus den Boxen über das dunkle Tal schallt, kommt einem die Schweiz auf einmal sehr deutsch vor.

Blick auf den ersten Erlebnisklettersteig der Schweiz

Wahrscheinlich hätte sich der New Yorker Schriftsteller James Baldwin, schwarz und schwul, an einem solchen Abend genauso fremd gefühlt wie in den Jahren 1951 bis 1953, als er in Leukerbad weilte, um hier an seinem Debütroman „Go Tell It on the Mountain“ („Von dieser Welt“) zu arbeiten. Damals kam dem 1987 gestorbenen Autor der nur etwas über 500 Einwohner zählende Ort wie ein großes Sanatorium vor.

„Die einzige wirkliche Attraktion des Dorfes sind die heißen Quellen, womit auch die Touristensaison erklärt wäre“, schrieb er in seinem Essay „Fremder im Dorf“. „Ein alarmierend hoher Anteil von Touristen sind … Menschen, die Jahr für Jahr … zur Kur hierherkommen. Dies verleiht dem Dorf auf dem Höhepunkt der Saison eine ziemlich erschreckende, heilige Aura, wie eine kleinere Ausgabe von Lourdes.“

Nein, das wollte Leukerbad nicht sein. Rechtzeitig erkannte man, dass ein einseitig auf Kurgäste ausgerichtetes Konzept nicht ewig funktionieren kann. Also ließ man sich Neues einfallen: Aktiv- und Wellnessurlaub im Gebirge. Die kulinarische Thermalquellenwanderung ist eine dieser Neuerfindungen, sie findet 2019 zum achten Mal statt (am 6. Juli).

Ansonsten setzt man in Leukerbad auf Nervenkitzel: Seit 2011 ragt direkt hinter dem Bergrestaurant auf der Gemmi eine futuristisch anmutende Aussichtsplattform in Gestalt einer Riesenraute über den Abgrund ins Nichts hinaus. Quasi im Schwebezustand hat man von dort aus einen fantastischen Blick hinunter aufs Dorf, auf die Walliser Alpen – und auf den ersten Erlebnisklettersteig der Schweiz.

Die Hängepartie sorgt für Nervenkitzel

Ein waghalsiger Parcours mit schweißtreibenden Schikanen, dessen Zielgruppe ausdrücklich nicht erfahrene Alpinisten sein sollen, sondern Familien, Jugendliche und sportliche Menschen jeden Alters, die eines aber auf keinen Fall haben dürfen: Höhenangst. 800 Meter lang ist die schwindelerregende Hängepartie inklusive Seilbrücke und frei in der Luft baumelnder Drehleiter. Benannt sind die einzelnen Etappen mit so harmlos klingenden Namen wie Trapez, Stairway to Heaven, Spyderman und Uups, was immerhin vom trockenen Humor der Klettersteigbetreiber zeugt.

Fast könnte man meinen, dass Mark Twain diesen Klettersteig schon 1880 benutzt hatte, als er in „Bummel durch Europa“ von seinem Abstieg nach Leukerbad über in den Fels gehauene Stufen schrieb: „Wir begannen jetzt unseren Abstieg auf dem merkwürdigsten Wege, den ich je gesehen habe. Er wand sich in Korkenzieherkurven an der Stirnwand des ungeheuren Steilhanges hinab – ein enger Pfad, auf dem man an dem einen Ellbogen stets die massive Felswand und an dem anderen das senkrechte Nichts hatte.“ Die knapp 900 Meter Höhenunterschied lassen sich seit 1957 auch bequem mit der Seilbahn überbrücken.

Wem das Klettern nicht reicht, mietet sich ein Mountainbike. Es gibt 20 ausgeschilderte Strecken mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Route eins über Gemmipass, Schwarenbach und Sunnbüel bietet Radeln im Hochgebirge – wechselnde Perspektiven, an denen man sich nicht satt genug sehen kann. Kräftige Schenkel und Waden sind allerdings Voraussetzung. Den Freeride-Trail, dessen hochgezogene Lehmbodenkurven wie eine Bobbahn den Abhang hinunterführen, sollten sich Ungeübte jedoch nicht zumuten.

Nach den schweißtreibenden Bergtouren freut man sich dann umso mehr auf Entspannung – im Wasser. Leukerbad hat vier öffentliche Thermalbäder und fünf Hotelthermalbecken.

Man legt sich am besten in einen Außenpool, blickt hinüber zu den Berggipfeln, wo man sich vor einigen Stunden noch kraxelnd oder strampelnd abgemüht hat, und spürt, wie mit jeder Minute, die man im Wasser verbringt, die strapazierte Beinmuskulatur in der wohligen Wärme lockerer wird. Dann macht man vielleicht noch einen Saunagang und ist gespannt darauf, was der nächste Tag bringen mag. Mal wieder wandern wäre eigentlich nicht schlecht.

Tipps und Informationen

Anreise: Von den meisten deutschen Flughäfen aus gibt es Nonstop-Flüge nach Zürich, zum Beispiel mit Lufthansa, Swiss, Easyjet oder Eurowings. Zürich ist aber auch gut mit dem ICE oder Eurocity aus Deutschland erreichbar, ohne Umsteigen beispielsweise ab Hamburg, Frankfurt am Main oder München (bahn.de). Weiterfahrt von Zürich nach Leukerbad zunächst mit dem Intercity über Bern nach Visp, dann in den Interregio nach Leuk steigen und dort am Bahnhof in den Bus wechseln. Mit dem Auto bis Leukerbad benötigt man etwa ab München rund sieben Stunden, ab Köln gut acht und ab Berlin etwa zwölf Stunden. Autofahrer auf Schweizer Autobahnen müssen eine kostenpflichtige Vignette an der Scheibe haben.

Unterkunft: Das „Hotel de France by Thermalhotels“ gehört zu einem Hotelkomplex direkt am Dorfplatz und ist in einem historischen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert untergebracht. Es besteht eine direkte unterirdische Verbindung in die „Walliser Alpentherme & Spa“. Die Übernachtung im Doppelzimmer mit Frühstück kostet umgerechnet ab gut 150 Euro (thermalhotels.ch). Das „Parkhotel Quellenhof“ richtet sich besonders an Aktivurlauber, die Nacht im Doppelzimmer kostet dort ab rund 180 Euro. Die Zimmer sind großzügig, Gäste können E-Mountainbikes entleihen, auch geführte Mountainbike-Touren werden organisiert (parkhotel-quellenhof.ch). Das Haus liegt an der Kurpromenade in der Nähe der Seilbahnstation (torrent.ch).

Auskunft: leukerbad.ch

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Leukerbad Tourismus. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter axelspringer.de/unabhaengigkeit.