Ein fensterloser Raum hinter dem Freiburger Hauptbahnhof, ausgelegt mit grünen Matten. Abends, kurz vor sieben, kommen Männer hierher, um in eine andere Welt zu wechseln. Sie bringen Samurai-Schwerter mit, die sie erst einmal auf einer Bank ablegen. Denn für das, was sie in den nächsten zwei Stunden tun, ist das Schwert nur ein Werkzeug. Das Wichtigste sind sie selbst.

Auf seinen Körper zu hören kann vieles vermeiden

„Bei allem, was wir hier tun“, sagt Trainer Gregor Lechner, „geht es um Achtsamkeit.“ Vor dem Wort schrecken die meisten Männer zurück. Für viele klingt es esoterisch, nach Entgiftungstee und Mondphasenkalender. Aber ein Samurai-Schwert, das ist etwas anderes.

Auch wenn die Übungswaffen aus Holz bestehen. Hier muss niemand fürchten, dass seine Männlichkeit leidet. „Achtsam sein bedeutet, Körper und Geist als Einheit zu sehen“, sagt der Meister. „Für das, was wir tun, spielt nicht Muskelkraft die Hauptrolle, sondern diese Stärke hier.“ Er zeigt auf den unteren Bauch. Dort sitzt nach japanischer Vorstellung die Lebenskraft.

Der Freiburger Schwertkampflehrer wirkt mit seinen 52 Jahren höchst geschmeidig und nach seinem Arbeitstag als IT-Experte jede Sekunde konzentriert und ruhig. Als junger Mann, so erzählt er, sei er in die Drogenszene geraten und fast an Drogen gestorben – wenn er nicht sein letztes Geld zusammengekratzt hätte und nach Asien geflohen wäre.

Auf Sri Lanka lebte er sechs Jahre lang als buddhistischer Mönch. Er besitzt die Ausstrahlung eines Menschen, der es geschafft hat, sich selbst zu retten. Und es scheint, als wollten seine Schüler von ihm genau das lernen: innere Stärke.

Erst im Notfall gehen Männer zum Arzt

Wären mehr Männer so wie Gregor Lechner und seine Schüler, dann müssten die Patienten von Frank Sommer vermutlich nicht ganz so lange auf einen Termin warten. Der 50-jährige Mediziner leitet den Lehrstuhl für Männergesundheit am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Damit ist er ein Exot.

Es gibt keinen zweiten Medizinprofessor in Deutschland, der sich ausschließlich um die Gesundheit der Herrschaften kümmert. Etwa 2000 Patienten empfängt er jährlich. Die meisten, so seine Erfahrung, kommen erst, wenn sie in großer Not sind. „Männer“, sagt Sommer, „verfolgen keine Vorsorge-, sondern eine Reparaturstrategie.“

Männer haben ein Problem, ein massives Problem mit ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit. Sie sind eher übergewichtig als Frauen, rauchen mehr, erleiden öfter Herzinfarkte, erkranken häufiger an Krebs, saufen sich dreimal öfter zu Tode und begehen fast in dreimal so großer Zahl Suizid. Im Alter ab 65 Jahren sogar noch häufiger.

Meister der Verdrängung

Solange alles noch halbwegs läuft, ignorieren sie Plaques in ihren Adern, kümmern sich weder um Blutdruck noch um Leberwerte und mögliche Polypen in ihrem Darm. Sie überspielen oder verklären ihren Stress und verdrängen die Frage, ob sie sich zu wenig bewegen. Wenn sie trainieren, dann oft exzessiv.

Männern fällt es immer noch schwer, Schwäche zu zeigen. Wahrscheinlich gehen sie auch deshalb seltener zum Arzt: dem neuesten Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse zufolge 2,7-mal im Jahr, Frauen 3,7-mal. Sie lassen sich seltener präventiv untersuchen: 22 Prozent der Frauen mieden 2016 Gesundheits-Checks, aber 31 Prozent der Männer.

Einfach etwas mehr an sich selbst denken

Da scheint es konsequent, dass sie im Schnitt auch fünf Jahre früher sterben als Frauen. Das ist kein unabänderliches Schicksal. Wären Männer egoistischer (oder eben achtsamer), was Körper und Seele angeht, würden sie etwas mehr an sich denken, dann könnten sie im Schnitt fast so lange leben wie Frauen. Sie könnten gesünder und vor allem glücklicher sein. Davon ist der Androloge Frank Sommer überzeugt. Und viele andere Wissenschaftler auch.

Er habe eine Befragung unter Männern durchgeführt, erzählt Sommer: „Was hält Sie davon ab, zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen?“ Der am häufigsten genannte Grund war: lange Wartezeiten. Dabei wartet ein Patient beim Arzt in der Regel nicht länger, als wenn er in der Werkstatt die Sommer- gegen die Winterreifen austauschen lässt. Der am zweithäufigsten genannte Grund erscheint dem Arzt schon ehrlicher zu sein: Angst vor schlechten Nachrichten. Sommer sagt: „Viele spielen Vogel Strauß, wenn es um ihre Gesundheit geht.“

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Potenzsorgen treiben Männer zum Arzt

Aus Tausenden Patientengesprächen weiß Sommer, was die Männer am ehesten zu ihm ins Haus 38 auf dem Campus des Klinikums Eppendorf treibt: die Sorge um ihre Potenz, den Kern der Männlichkeit. Oft sind es Herren zwischen 40 und 50, die noch einmal heiraten und eine neue Familie gründen wollen. Die Anwärter auf den zweiten Frühling würden sich in der Regel nicht nur um ihre Erektionsfähigkeit sorgen, sondern ganz grundsätzlich die Frage stellen: „Wie bleibe ich so lange wie möglich gesund?“

Der Arzt erzählt von einem seiner typischen Fälle: Ein Mann, noch keine 40, schleppte sich in sein Sprechzimmer. „Er war fettleibig, müde, erschöpft – und er hatte Erektionsprobleme.“ Dabei sei er früher sehr sportlich gewesen. Dann habe er angefangen, im Vertrieb eines Unternehmens zu arbeiten: den größten Teil des Jahres auf Reisen, abends in Hotels, kein Sport mehr, dafür jede Menge ungesundes Essen.

Mehr bewegen, gesünder essen

Sommer drückte ihm eine Studie in die Hand, in Männer mit Potenzstörungen nach Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt worden waren. Einer Gruppe wurde mäßige Bewegung und gesündere Ernährung verordnet, weniger Fett, weniger Süßes.

Die anderen durften weiter leben wie bisher. Nach einigen Wochen, so der Mediziner, hätten 33 Prozent der ersten Gruppe wieder ohne Medikamente eine Erektion zustande gebracht – und auch ihr Gesamtbefinden hatte sich verbessert. In der zweiten Gruppe tat sich, wie zu erwarten, gar nichts.

Sommer hält für seine verunsicherten Patienten zwei tröstliche Botschaften bereit. Erstens müssen sich Männer nicht damit abfinden, sich schlecht und ausgelaugt zu fühlen. Zweitens lässt sich der Gesundheitszustand meist schon mit einfachen Übungen verbessern, die jeder in seinen Alltag einbauen kann.

Fangen Sie mit einfachen Übungen an

Allen, die lange nicht mehr auf die Signale ihres Körpers gehört haben, empfiehlt der Hamburger Professor einen „Weg der kleinen Schritte“. Sein Programm nennt er „drei mal drei mal drei“: eine Druckübung (beispielsweise Liegestütze), eine Zugübung (etwa Klimmzüge an der Tischkante) und eine Übung für die Beine (Kniebeugen), dreimal pro Woche für drei Minuten, und das mindestens drei Monate lang.

„Viele können keinen einzigen Liegestütz, wenn sie zu mir kommen“, berichtet der Arzt. Diesen Männern rate er: „Machen Sie es eben, indem Sie die Knie unten aufsetzen. Oder bleiben Sie stehen und stützen sich an der Wand ab. Hauptsache, Sie fangen an.“

Sommers adipöser Patient quälte sich, er nahm ab, die Potenz kam zurück. Hinterher sagte er zu seinem Arzt: „Hätten Sie mir die Studie nicht gezeigt, ich hätte nie damit angefangen.“

Ein ausgeglichenes Leben lässt Männer älter werden

Für die Männer, die in seinem Sprechzimmer Hilfe suchen, hält Sommer eine weltliche und westliche Variante der buddhistischen Schwertkämpferweisheit von Gregor Lechner bereit: „Ernährung, Bewegung, Potenz, seelisches Gleichgewicht, das geht alles Hand in Hand.“

So ungefähr lautet auch die Quintessenz aus allen Forschungen des Bevölkerungswissenschaftlers Marc Luy. Seine wissenschaftliche Karriere widmete der 47-Jährige der Frage, warum Frauen im Schnitt älter werden als Männer. Als junger Wissenschaftler revolutionierte er sein Forschungsgebiet mit seiner bahnbrechenden Klosterstudie.

Er suchte nach Kohorten von Männern und Frauen, die unter fast identischen Bedingungen lebten, und kam auf die Idee, in elf bayerischen Klöstern Lebens- und Sterbedaten zu sammeln. Das Ergebnis: Während Nonnen kaum später sterben als weltliche Frauen, erreichen Ordensbrüder ein deutlich höheres Alter als Männer außerhalb der Klostermauern. Der Unterschied in der Lebensspanne zwischen Frauen und Männern schnurrt in der kirchlichen Abgeschiedenheit auf ein Jahr zusammen.

Nicht die Biologie lässt Männer früher sterben, sondern ihr Verhalten

„Wenn es nur die Biologie wäre, die das Lebensalter bestimmt“, sagt Luy, „dann könnten dem auch die Mönche nicht entkommen.“ Seine Klosterstudie zeigt: Lebenserwartung ist nicht gottgegeben. „Wir haben vieles selbst in der Hand.“

Was hilft den Ordensleuten, so lange gesund zu bleiben? Als er sie danach fragte, erhielt Luy meist zwei Antworten: Zum einen tue ihnen der geregelte, relativ stressarme Tagesablauf gut. Aufstehen, beten, essen, arbeiten – alles immer zur gleichen Zeit. Zum anderen: Klosterbrüder kennen keine Rente.

Die meisten arbeiten noch im hohen Alter, sie suchen sich zumindest eine Beschäftigung im Garten oder der Küche. „Dass es bei ihnen keinen Bruch durch Pensionierung gibt wie bei den meisten Männern, wirkt sich offenbar positiv aus“, vermutet der Forscher. Offenbar liegt in dem Spruch „Wer rastet, der rostet“ eine tiefere Weisheit.

Sterbefaktor Nummer Eins ist das Rauchen

Weltlichen Männern empfiehlt Langlebigkeitsforscher Luy vor allem, den wichtigsten Risikofaktor für den vorzeitigen Tod zu eliminieren: das Rauchen. Die Hälfte der unterschiedlichen Lebenserwartung von Männern und Frauen, so sein Fazit aus eigenen Forschungen und vielen ausgewerteten Studien, lässt sich allein auf den Tabakkonsum zurückführen. Männer rauchen nicht nur mehr, sondern auch die härteren Sorten. Als Sterbefakor Nummer zwei macht er den Stress aus.

Ganz oben unter den Stressfaktoren der Deutschen rangiert laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse von 2016 die Arbeit: Sie wurde von 46 Prozent der Befragten genannt, Kindererziehung und Familienleben nur zu 20 Prozent. Zwar liegen die Erwerbsquoten von Männern und Frauen inzwischen relativ nah beieinander (bei 82 beziehungsweise 73 Prozent), doch Männer schuften härter. PDF Endlich Nichtraucher: Rauchfrei in 33 Tagen

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Weniger Stress und ein geregelter Tagesablauf sorgen für ein längeres Leben

Von den Teilzeitbeschäftigten sind 81 Prozent weiblich. Unter den Workaholics dominieren die Herren. Laut Statistischem Bundesamt geben 14 Prozent der Männer an, zumindest zeitweise mehr als 48 Stunden pro Woche dem Job zu opfern, aber nur sieben Prozent der Frauen.

Und weil es einen Zusammenhang gibt zwischen Stressbelastung und Herz- sowie anderen Leiden, liegt Herbert Grönemeyer mit seinem Song schon ganz richtig: „Männer sind furchtbar stark/Männer können alles/Männer kriegen ’n Herzinfarkt.“

Im Prinzip ergibt sich eine ziemlich einfache Formel: Ein Mann, der die Finger von Zigaretten lässt, seinen Arbeitsdruck reduziert, sich nach Klostervorbild um Gleichmaß bemüht und nicht erst zum Arzt geht, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt, gewinnt mit ziemlicher Sicherheit zusätzliche Lebensjahre.

Männer brauchen Zärtlichkeit

Und dann es gibt noch etwas – die Sorge um die Seele. In Grönemeyers „Männer“-Lied heißt es: „Männer weinen heimlich/Männer brauchen viel Zärtlichkeit“. Meistens fällt es ihnen noch schwerer, über ihre psychischen Krisen zu reden, als über ihre Potenz.

Männer sprechen anders über Seelenabgründe als Frauen. Das meint jedenfalls Walter Kohl, der ältere Sohn des Einheitskanzlers Helmut Kohl, heute unterwegs als Therapeut und Lebensberater. Der Volkswirt arbeitete lange als Manager seiner Firma, die Automobilherstellern zuliefert.

Dann schrieb er 2011 das Buch „Leben oder gelebt werden“, er schrieb sich damit buchstäblich aus seiner tiefsten Lebenskrise. Die Geschichte seiner Versöhnung mit dem Vater und sich selbst traf damals einen Nerv, sie verkaufte sich blendend.

Seitdem setzt Kohl den größten Teil seiner Zeit dafür ein, über Land zu reisen und Vorträge darüber zu halten, wie Männer ihre Seele reparieren können.

Wenn er zu seinem Publikum spricht, dann steht Felix neben ihm und wandert zum Anfassen wie ein Talisman durch die Reihen – eine Holzskulptur mit drei Gesichtern, die für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen. „Ich bin jemand, der im Leben ziemlich viele Höhen und Tiefen erlebt hat“, sagt Kohl.

Ein Buch half ihm sein Leben zu verändern

Nach der Parteispendenaffäre seines Vaters, die er auch als soziale Ächtung für die ganze Familie empfand, und nach dem Suizid seiner Mutter wollte er mit seinem Leben Schluss machen. Er gab sich noch eine Frist von 100 Tagen, um seine Angelegenheiten zu ordnen.

In dieser Zeit stieß er zufällig auf das Buch des Psychologen und KZ-Überlebenden Viktor Frankl: „Trotzdem Ja zum Leben sagen“. Die Lektüre empfand er als Offenbarung. Ähnlich wie Lechner, der Freiburger Samurai, erlebte Kohl eine Wende in seinem Leben.

Heute veranstaltet er regelmäßig reine Männerseminare, um seine Erfahrungen weiterzugeben. „Wenn keine Frauen in der Runde sitzen, dann müssen sie sich auch nicht aufplustern, um zu renommieren“, meint Kohl.

„Untereinander können sie viel besser über eigene Probleme und Krisen reden.“ Männer bräuchten einfach Zeit, um in Gefühlsdingen nicht mehr männertypisch hart mit sich selbst umzugehen: „Das ist dann so, wie wenn ein vereister Fluss im Frühjahr aufbricht.“

Kohl liebt solche robusten Bilder. „Wenn jemand mit dem Fahrrad unter ein Auto kommt und daliegt mit gebrochenen Knochen, dann wird doch keiner sagen: ,Reiß dich zusammen.‘ Sondern: ,Der muss in die Klinik.‘“

Kohl sagt: „Und wenn dein Leben zusammenbricht, und du liegst am Boden, dann brauchst du Hilfe. Das ist doch selbstverständlich und überhaupt nichts, wofür man sich schämen müsste.“ Entscheidend ist für ihn: „So etwas muss ein Mann zu Männern sagen.“

Dankbar für einen Männerversteher

In seinen Seminaren macht der Kanzlersohn eine ganz ähnliche Erfahrung wie der Mediziner Sommer. Er erlebt, wie dankbar Männer sind, wenn sie mit ihren Problemen auf einen Männerversteher treffen. Ihren Hausärzten schildern Männer oft eher körperliche Beschwerden wie Magen- oder Rückenschmerzen, wenn sie in Wirklichkeit unter psychischem Druck stehen.

„Die Diagnostik erfasst diese depressiven Symptome häufig nicht“, meint Anette Kersting von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Leipzig, wo sie sich mit geschlechtsspezifischen Fragen befasst.

Noch sind die Herren im Medizinbetrieb schlechter dran als die Frauen – trotz aller Forschritte der letzten Jahre. „Für Forschung zur Frauengesundheit wird ungefähr zehnmal so viel Geld ausgegeben“, schätzt Arzt Frank Sommer. „Männergesundheit ist immer noch ein Entwicklungsgebiet.“

Umso wichtiger, dass sie selbst etwas für sich tun. Denn wie singt Herbert Grönemeyer? „Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich.“

Im FOCUS Online Warum Männer mit Potenzproblemen immer zum Herzspezialisten sollten Bewegungsmangel Männergesundheit